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Luke Harding

Ein sehr teures Gift

Der Mord an Alexander Litwinenko und Russland Krieg gegen den Westen

Details

Aus dem Englischen von Henning Hoff
288 pages
Soft cover
12.9 x 19.8 cm
(D) € 19,90
(A) € 20,50
CHF 25,90 UVP
978-3-942377-14-0

Publication date

April 2018

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Am 1. November 2006 wird Alexander Litwinenko am helllichten Tag in der Bar des Londoner Millennium Hotels vergiftet. 22 Tage später stirbt er. Die Mordwaffe? Polonium – eine seltene, tödliche und stark radioaktive Substanz. Das Motiv? Der frühere KGB/FSB-Agent hatte sich in Russland ein paar sehr mächtige Feinde gemacht.

Auf Grundlage eigener Berichterstattung über ein Jahrzehnt hinweg und Interviews mit allen maßgeblichen Beteiligten – einschließlich der mutmaßlichen Mörder – erzählt Luke Harding in EIN SEHR TEURES GIFT die Geschichte von Litwinenkos Leben und Sterben. Der Guardian-Journalist zeichnet die nukleare Spur – via Hamburg – quer durch London nach. Eine richterliche Untersuchung stellt 2016 fest: Sie führt zurück in die höchsten Etagen des russischen Staates.

Der Mord an Litwinenko markiert für Harding den Beginn eines Jahrzehnts geopolitischer Störungen durch Moskau. Die vorläufige Bilanz: mindestens 7000 Tote und zwei Millionen Entwurzelte in der Ukraine, der Abschuss eines vollbesetzten Passagierflugzeugs und ein russischer Präsident Wladimir Putin, der aus seiner Ablehnung einer regelbasierten internationalen Ordnung keinen Hehl mehr macht. Europa und die Vereinigten Staaten stehen vor einem neuen Kalten Krieg mit dem Kreml – unberechenbarer als der von vor 1989.

«Harding erzählt die fürchterliche Geschichte mit echter Autorität, Witz und Schwung.»

The Times

«Spannend und leidenschaftlich geschrieben»

New Statesman

«Dieser fesselnde Bericht beschreibt das Verbrechen und dessen Aufklärung mit dem Tempo eines Krimis. Aber das Buch bietet zugleich eine gut informierte Analyse der Rolle der Regierung Putin in der Weltpolitik und ihrer angespannten Beziehungen zum Westen.»

Sunday Times

«Eine erstklassige Darlegung ... Hardings Bericht lässt Lugowoi und Kowtun als Laurel und Hardy der Spionage erscheinen.»

The Spectator

«Packend»

London Review of Books

Excerpt

Zwei der Russen, die an dem Morgen ankamen, stachen hervor. Was genau sie verdächtig machte, war schwer zu sagen. Aber im Kopf von Spencer Scott, dem diensthabenden Kriminalmeister am Flughafen Gatwick, machten sich leise Zweifel breit. Es war der 16. Oktober 2006. Die Passagiere des Transaero-Flugs aus Moskau waren gerade angekommen. Sie holten ihr Gepäck vom Band. Vor der Passkontrolle bildeten sie eine Schlange, um danach den Bereich für Stichproben der britischen Zoll- und Steuerbehörden zu durchqueren.

Der erste Russe war von mittlerer Statur, in seinen Dreißigern und hatte blondes slawisches Haar. Er trug eine Freizeitjacke und eine teuer aussehende, lederne Laptoptasche. Er schien wohlhabend zu sein. Der zweite, mit dunklem, sich leicht lichtendem Haar und gelblicher Gesichtsfarbe, war offenkundig sein Begleiter. Sie verhielten sich nicht wirklich verdächtig. Und doch hatten sie etwas an sich – eine Verstohlenheit, die die Aufmerksamkeit von Detective Constable Scott erregte.

«Ich hatte das Gefühl, sie wären für uns von Interesse, und als sie durch die Passkontrolle gingen, hielt ich sie an und befragte sie», erinnerte er sich später. Scott hatte keinen Befehl, nach den beiden Ausschau zu halten; er handelte aus einem Bauchgefühl heraus. Er fragte nach ihren Namen. Einer von ihnen sprach Englisch und stellte sich als Andrej Lugowoi vor. Sein Freund sei Dmitri Kowtun. Scott machte grobkörnige, verwaschene Fotoaufnahmen von ihnen. Lugowoi ist darauf rechts zu sehen. Die beiden erscheinen wie geisterhafte Kleckse. Es war 11.34 Uhr.

Die Geschichte, die Lugowoi und Kowtun erzählten, schien glaubhaft: Sie waren für ein Geschäftstreffen nach London geflogen. Lugowoi erzählte, er sein Inhaber einer Firma namens Global Project. Sein Freund arbeite in der Finanzabteilung einer angesehenen Moskauer Bank. Ihr Reisebüro hatte ihnen Zimmer für zwei Nächte im Best Western Hotel auf der Shaftesbury Avenue gebucht. Das Hotel war nicht gerade billig: 300 Pfund die Nacht. Lugowoi legte seine Reservierungsbestätigung vor. Sie war echt.

Dennoch blieb die Unterhaltung aus Scotts Sicht unbefriedigend: «Sie waren sehr ausweichend, was den Grund ihrer Reise nach Großbritannien anging.» Normalerweise werden Leute bei Stichprobenkontrollen redselig – sie erzählen von ihren Familien, ihren Urlaubsplänen, dem schlechten englischen Wetter. Im Gegensatz dazu blieben die beiden Russen wage. «Im Verlauf der Befragung gaben sie nicht die Antworten, die ich hören wollte oder erwartet hatte. Sie waren sehr, sehr einsilbig», sagte Scott. Ihre Entgegnungen enthielten «keine Informationen».

Scott schaute im Internet nach, konnte Global Projects aber nicht finden. Die Russen gaben an, ihr Geschäftstermin sei mit einem Unternehmen namens Continental Petroleum Limited, dessen Anschrift Nummer 58 Grosvenor Street in London lautete. Scott rief die Festnetznummer der Firma an. Eine männliche Stimme bestätigte, dass das Unternehmen in England registriert sei. Also gut. Der Constable rief die Datenbank der Polizei auf – nichts. Auch die britischen Geheimdienste mi5 und mi6 hatten Lugowoi und Kowtun nicht auf die Liste gesetzt. Offenbar waren sie nicht von Interesse.

Polizeilicher Spürsinn war das eine, harte Fakten das andere. Ohne genaue Anhaltspunkte zu haben verständigte sich Scott mit seinem Vorgesetzten, der ihm riet, die beiden ziehen zu lassen. Das britische Rechtssystem und das Polizeiwesen beruhen auf der Unschuldsvermutung – im Unterschied zu Russland, Lugowois und Kowtuns Heimatland, wo Richter inoffiziell Anweisungen «von oben» erhalten. Nach 20 Minuten wurde den beiden Russen erklärt, sie dürften ihre Reise fortsetzen. Sie nahmen ihr Gepäck und verließen den Flughafen in Richtung Londoner Innenstadt. Scott heftete ihr Foto in einer Akte ab. Sie trug den Stempel: «Nur für nachrichtendienstliche Zwecke».

Etwas über einen Monat später merkte Scotland Yard – konfrontiert mit einer Situation von beispiellosem internationalem Horror –, dass Scotts Instinkt außerordentlich korrekt gewesen war. Die beiden waren keine Geschäftsleute. Sie waren Mörder. Ihre Legende war genau das – eine Legende. Sie war über die vergangenen Monate sehr sorgfältig aufgebaut worden, möglicherweise über Jahre. Und sie hatte funktioniert.

An jenem Morgen hatten Lugowoi und Kowtun etwas nach Großbritannien gebracht, was den Grenzkontrolleuren nicht aufgefallen war. Keine Drogen oder große Summen Bargeld. Etwas so Seltenes und Seltsames und Außerweltliches, das in dieser Form in Europa oder Amerika noch nicht vorgekommen war. Es war, die Kowtun einem Freund in Hamburg anvertraute, «ein sehr teures Gift» – ein Toxin, dessen verstohlene Reise nach London in einem geheimen Nuklearkomplex im Südwestens Sibiriens begonnen hatte. Eine unsichtbare Hightech-Mordwaffe.

Events

Saturday September 10th 2016

Luke Harding und Ahmed Rashid auf dem 16. ilb

Berlin

Unsere Autoren Luke Harding und Ahmed Rashid sind am 10. und 11. September 2016 zu Gast beim 16. internationalen literaturfestival berlin. Mehr Informationen unter www.literaturfestival.com.

Biography

Luke Harding
© Alistair Hall

Luke Harding

Luke Harding wurde 1968 in Nottingham geboren und studierte Englisch in Oxford. 1996 stieß er zum Guardian und stieg zu einem der profiliertesten Auslandskorrespondenten der linksliberalen Tageszeitung auf. Er berichtete aus Neu-Delhi, Berlin und Moskau ebenso wie vom Afghanistan- und Irakkrieg.

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